Vom Geheimfavoriten zum Geh-Heim-Favoriten
29.06.2026 Vor der Weltmeisterschaft war Deutschland wieder einmal der Geheimfavorit. Die Experten lobten die Form, die Fans träumten vom fünften Stern und plötzlich war wieder von der berühmten Turniermannschaft die Rede.
Nach dem Achtelfinale gegen Paraguay bleibt davon genau ein Wort übrig:
Geh-Heim-Favorit.

Herzlichen Glückwunsch an die deutsche Nationalmannschaft! Man muss es erst einmal schaffen, bei einer Weltmeisterschaft so aufzutreten, als hätte der DFB versehentlich einen Betriebsausflug ins Gillette Stadium organisiert. Die Mannschaft wirkte, als hätte sie eine Stadionführung gebucht. Leider fand dort zeitgleich ein WM-Achtelfinale statt.
90 Minuten lang hatte man den Eindruck, die Spieler würden nach Schrittzählern bezahlt. Wer mehr als 3.000 Schritte machte, bekam offenbar eine Abmahnung. Bewegung? Nur beim Seitenwechsel.
Trainer Julian Nagelsmann hat geliefert. Leider an den Baumarkt.
Sein Name passte an diesem Abend erschreckend gut. Diese Mannschaft wirkte wie eine Schachtel Nägel: hart, kalt, völlig unbeweglich – und ohne jemanden, der weiß, wie man daraus etwas Sinnvolles baut.
Statt den Gegner festzunageln, nagelte sich Deutschland lieber selbst fest. Pressing? Nur die Trikots nach dem Waschen. Tempo? Offenbar im Mannschaftsbus vergessen.
Das Elfmeterschießen war schließlich der krönende Abschluss. Andere Nationen schießen Elfmeter. Deutschland veranstaltet eine therapeutische Gruppensitzung zum Thema „Versagensängste unter Leistungsdruck“.
Die Fans reisten Tausende Kilometer nach Boston. Die Mannschaft offenbar nur, um sich das Stadion einmal von innen anzusehen. Elf Schaufensterpuppen hätten vermutlich genauso wenig Offensivdrang entwickelt – aber wenigstens keine Fehlpässe gespielt.
Vielleicht war alles nur ein Missverständnis. Nagelsmann sagte: „Wir müssen die Dinger reinmachen!“ Die Mannschaft verstand: „Macht’s euch bequem.“
Arbeitsverweigerung ist eigentlich ein Begriff aus dem Arbeitsrecht. Die DFB-Elf hat daraus eine Spielphilosophie gemacht.
Das Bitterste daran: Paraguay musste gar nicht überragend sein. Sie mussten nur geduldig darauf warten, dass Deutschland sich selbst aus dem Turnier verabschiedet.
Das war kein K.-o. – das war betreutes Ausscheiden.
Immerhin hat die Mannschaft bewiesen, dass Nachhaltigkeit funktioniert. Schonender kann man mit seinen Kräften kaum umgehen.
Vielleicht sollte Nagelsmann beim nächsten Turnier tatsächlich Schreiner werden. Mit Nägeln kennt er sich schließlich bestens aus. Auf dem Fußballplatz hat er seine Mannschaft so erfolgreich festgenagelt, dass sie sich 120 Minuten lang kaum bewegte.
Das einzig Dynamische an diesem WM-Auftritt war der Rückflug.
Und falls künftig wieder jemand behauptet, Deutschland sei ein Geheimfavorit, sollte man vorsichtshalber gleich das Leerzeichen mit einplanen.
Denn spätestens im Achtelfinale wurde aus dem Geheimfavoriten wieder einmal der Geh-Heim-Favorit.
Nicht Paraguay hat Deutschland aus dieser Weltmeisterschaft geworfen.
Deutschland hat das ganz allein geschafft.
